Immer mehr Menschen berichten, dass sie sich nach kaltem Wasser wacher und ausgeglichener fühlen. Die Forschung dazu steckt noch in den Anfängen. Hier liest du, welche Hypothesen und Studien es gibt und wie sie einzuordnen sind.
Autor:innen & Beitragsinfo
- Quellen: Shevchuk NA (Med Hypotheses, 2008), van Tulleken C et al. (BMJ Case Rep, 2018)
- Lesedauer: ca. 6 Minuten
- Themen-Tags: Kälte, Stimmung, Neurotransmitter, Forschung
Die neurochemische Erklärung
Shevchuk (2008) stellte in einer theoretischen Arbeit die Hypothese auf, dass kalte Duschen bei Depressionen eine Rolle spielen könnten. Geprüft wurde das in dieser Arbeit nicht. Seine Begründung:
1. Noradrenalin-Defizit: Depression wird unter anderem mit niedrigen Noradrenalin- und Serotoninspiegeln in Verbindung gebracht (die Monoamin-Hypothese). In Studien stiegen bei Kälteexposition Noradrenalin und Dopamin im Blut deutlich an. Ob das die Stimmung beeinflusst, ist nicht geklärt.
2. Vagus-Stimulation: Kaltes Wasser auf Gesicht und Körper aktiviert den Vagusnerv (den wichtigsten Nerv des Parasympathikus). Die elektrische Stimulation des Vagusnervs wird in der Medizin bei bestimmten Formen der Depression eingesetzt. Ob kaltes Wasser vergleichbar wirkt, ist offen.
3. Beta-Endorphine: Shevchuk vermutete, dass die Kälteschockreaktion Beta-Endorphine freisetzt - körpereigene Botenstoffe, die mit Schmerzempfinden und Wohlgefühl in Verbindung gebracht werden.
4. Dichte der Kälterezeptoren: Die Haut hat eine extrem hohe Dichte an Kälterezeptoren. Kaltes Wasser sendet daher eine massive Menge elektrischer Impulse ans Gehirn, was nach seiner Hypothese die Stimmung beeinflussen könnte.
Fallberichte und Studien
Van Tulleken und Kollegen (2018, BMJ Case Reports) veröffentlichten den Fall einer 24-jährigen Frau mit langjähriger Depression und Angststörung. Während eines begleiteten Programms mit wöchentlichem Freiwasserschwimmen wurden ihre Medikamente unter ärztlicher Aufsicht schrittweise reduziert. Ein einzelner Fallbericht lässt sich nicht verallgemeinern.
Britische Forschungsgruppen untersuchen seit einigen Jahren die Auswirkungen von Outdoor-Schwimmen in kaltem Wasser auf die psychische Gesundheit. Teilnehmende berichten in Befragungen häufig von besserer Stimmung und mehr Wohlbefinden. Belastbare Belege für eine Wirkung sind das noch nicht.
Einschränkung: Es gibt bisher keine großen randomisierten kontrollierten Studien (bei denen Teilnehmer zufällig in Kalt- und Kontrollgruppen aufgeteilt werden). Die vorhandene Datenlage besteht hauptsächlich aus Fallberichten, kleinen Beobachtungsstudien und theoretischen Arbeiten. Eine Wirkung ist damit nicht belegt.
Wichtige Einordnung
Kaltes Wasser ist keine Therapie und kein Ersatz für professionelle Behandlung bei Depression oder Angststörung. Wer Kälte als Ritual mag, kann sie als angenehmen Teil des Alltags sehen, nicht als Behandlung.
Bei schwerer Depression, Suizidgedanken oder anderen psychischen Krisen: Professionelle Hilfe suchen. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 (kostenlos).
Wer Kälte ausprobieren möchte, sollte:
- Langsam einsteigen (kalte Duschen vor Eisbaden)
- Nie allein ins offene Wasser gehen und bei Vorerkrankungen vorher ärztlich nachfragen
- Kälte nicht als Ersatz für Therapie oder Medikamente sehen
- Bei bestehender Medikation nichts ohne ärztliche Rücksprache verändern
Originalquelle
Shevchuk NA. Adapted cold shower as a potential treatment for depression. Med Hypotheses. 2008;70(5):995-1001. PMID: 17993252
Disclaimer
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Quelle: Shevchuk NA (2008). Adapted cold shower as a potential treatment for depression. Med Hypotheses, 70(5):995-1001. PMID: 17993252
